Das brave Mädchen schreibt jetzt anders
Über Regeln, die ich nie unterschrieben habe – und trotzdem jahrelang befolgt habe.
Niemand hat sie mir vorgelesen. Niemand hat mich gebeten, sie zu unterschreiben. Und trotzdem kenne ich jede einzelne Regel auswendig, so genau, als hätte ich sie selbst aufgeschrieben.
Brave Mädchen schreiben nicht über Sex. Brave Mädchen schreiben Sachbücher, keine Romane. Etwas Nützliches. Etwas, das man in einem Regal neben '5 Schritte zu mehr Gelassenheit' einsortieren kann. Brave Mädchen riskieren nicht ihr Business für eine Idee. Erst recht nicht für eine, die niemand außer ihnen selbst für gut befunden hat. Brave Mädchen fragen erst alle um Erlaubnis, bevor sie etwas Neues wagen. Brave Mädchen bleiben, wo es sicher ist. Auch wenn es sie langsam austrocknet. Auch wenn sie irgendwann merken, dass Sicherheit und Lebendigkeit selten im selben Zimmer wohnen. Brave Mädchen schreiben Ratgeber darüber, wie man ein gutes Leben führt. Nicht Romane, in denen eine Frau selbst herausfinden muss, was gut ist, und dabei auch mal falsch liegt. Brave Mädchen fragen sich zuerst, was die anderen denken werden. Erst danach, was sie selbst zu sagen haben.
Ich kenne diese Regeln, weil ich sie gelebt habe. Jahrelang. Ich bin gut darin. Ich habe ein Business, das funktioniert. Ich helfe Menschen, die an einem Wendepunkt stehen, und ich bin ihnen eine verlässliche, kompetente Stimme. Sachlich. Hilfreich. Erfolgreich.
Ich gebe nicht etwas auf, das nicht funktioniert hat. Ich riskiere etwas, das erfolgreich ist, weil etwas in mir lebendiger werden will.
Und dann habe ich auch noch angefangen, über Pauline zu schreiben. Eine Frau, die sich in eine Stimme verliebt, die keinen Körper hat. Eine Frau, die lügt, die begehrt, die falsche Entscheidungen trifft und sie nicht sofort bereut. Eine Frau, die nicht dafür da ist, dass man etwas aus ihr lernt.
Und ich habe über Sex geschrieben. Nicht angedeutet, nicht in Sternchen. Weil es dazugehörte, weil die Geschichte es verlangte, und weil ich es leid war, mich für Körperlichkeit zu entschuldigen, bevor ich sie überhaupt beschrieben hatte.
Und ich habe angefangen, mein Coaching-Business – das funktionierende, das sichere, das brave – für eine Idee zu riskieren. Für einen Roman, von dem niemand außer mir wusste, ob er überhaupt jemand interessieren würde.
Das war kein Plan. Es war eher, als hätte etwas in mir beschlossen, dass es die Regeln nicht mehr unterschreiben würde. Nicht aus Trotz. Eher aus Erschöpfung. Man kann nur so lange brav sein, bis das eigene Leben anfängt, sich wie eine Rolle anzufühlen, die man für jemand anderen spielt.
Ich weiß nicht, ob das mutig ist oder verrückt oder einfach nur ehrlich. Vermutlich alles davon, in unterschiedlichen Momenten, an unterschiedlichen Tagen.
Aber ich weiß, dass ich aufgehört habe, die Version von mir zu schreiben, die niemandem wehtut, niemanden herausfordert, niemanden vor den Kopf stößt. Ich schreibe jetzt die Version, die ehrlich ist. Auch wenn sie unbequem ist. Auch wenn sie manchmal über Dinge schreibt, über die brave Mädchen einfach nicht schreiben.
Und jetzt? Das brave Mädchen sitzt noch neben mir. Aber sie schreibt den Text nicht mehr.