Essay · 17. Mai 2026 · 5 Min. Lesezeit

Ich hab mir das Schreiben verboten

Schreiben beginnt lange bevor der erste Satz da ist.

Ich war im März in Leipzig. Buchmesse.

Und ich kam nach Hause mit so vielen Ideen für meinen zweiten Roman, dass mir fast schwindelig war. Bilder. Dialoge. Eine Szene, die plötzlich anders weiterging als geplant. Und diese eine Figur, die nachts angefangen hat, mit mir zu sprechen.

Ich dachte: Jetzt geht es endlich wieder los. Schreiben!

Spoiler: Es ging nicht los.

Weißt Du, was passiert ist? Ich habe mir das Schreiben verboten. Nicht laut. Nicht bewusst. Aber sehr gründlich.

Ich habe gedacht: Erst die Mails. Erst die Küche. Erst diese eine Nachricht, die ich eigentlich seit Tagen nicht beantworten wollte.

Und Schreiben? Das war für später. Für wenn alles erledigt ist. Für wenn ich brav genug war. Produktiv genug. Vernünftig genug.

Schreiben wurde zur Belohnung.

Und während ich also Wäsche zusammenlegte und Mails beantwortete und Termine vorbereitete, wurde in mir etwas leiser. Die Bilder zogen sich zurück. Die Figuren warteten höflich. Die Sätze, die mir noch in Leipzig fast den Atem genommen hatten, verblassten zu Notizen, die ich nicht mehr ganz lesen konnte.

Ich hatte mein Schreiben in den Hinterhof meines Lebens gestellt. Hinter alles andere.

Und das Schlimmste? Ich hatte etwas dabei verloren, das so wichtig ist: Die Freude, einfach loszuschreiben.

Die Freude, mich hinzusetzen, ohne dass alles andere fertig ist. Die Freude, etwas liegen zu lassen. Das Bett ungemacht. Die Mail ungeschrieben. Der Wäschekorb halb voll. Und stattdessen: den ersten Satz.

Ich kenne diesen alten Glaubenssatz zu gut: Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen. Erst das, was Sinn macht. Dann das, was mich ruft.

Aber so funktioniert es nicht. Nicht beim Schreiben.

Und Schreiben – das habe ich diese Woche neu gelernt – beginnt lange bevor der erste Satz da ist.

Es beginnt damit, dass ich entscheide: Heute zuerst der Roman. Heute zuerst die Figur, die spricht. Heute zuerst die Szene, die mich nicht loslässt.

Und alles andere? Darf warten. Manchmal eine Stunde. Manchmal einen halben Tag. Manchmal ein bisschen länger.

Und das Verrückte ist: Es geht. Das Haus stürzt nicht ein. Die Welt geht nicht unter. Die Mails sind irgendwann beantwortet.

Und ich bin abends mit etwas in mir nach Hause gegangen, das ich vorher in mir verloren hatte.

Wenn Du magst, frag Dich selbst: Was hast Du in den Hinterhof Deines Lebens gestellt? Was wartet höflich, bis Du fertig bist – und wird leiser, je länger es wartet?