Warum ich mit 60 an einer Stange hänge – wie flüssiger Honig
Über das Loslassen der Selbstkontrolle – und das Gefühl, wieder ganz bei sich zu sein.
Ich liege auf dem Sofa und scrolle durch Instagram. Dann sehe ich sie: eine Frau an der Pole-Stange. Sie bewegt sich wie flüssiger Honig. Weich. Rund. Selbstverständlich. Und völlig bei sich. Dazu läuft Musik von Billie Eilish, ganz zart.
Ich werde still. Weil da etwas in mir anspringt. Ich will das auch. Nicht perfekt. Nicht genauso. Aber dieses Gefühl. Diese Weichheit. Diese Verbindung. Dieses Bei-sich-Sein im Körper.
Und fast im gleichen Moment kommen die anderen Gedanken: Das schaffe ich nie. Ich bin zu alt. Zu wenig Kraft. Zu steif.
Ich war ja schon ein paar Mal im PoleDance-Training. Immer mal wieder, aber nie konstant. Das Leben kam immer dazwischen. Und trotzdem: Es hat mich nie ganz losgelassen.
Ein paar Tage später stehe ich wieder im PoleDance-Studio. Mit dieser Stange. Mit sehr vielen Spiegeln.
Spiegel sind eine eigene Herausforderung, wenn man 60 ist und noch nie gelernt hat, den eigenen Körper einfach nur anzuschauen, ohne ihn sofort zu bewerten. Ich sehe mich von allen Seiten gleichzeitig. Und ich sehe die anderen im Raum – jünger, geschmeidiger, wie selbstverständlich in ihrer Haut. Für einen Moment will ich mich kleiner machen, mich hinter die Stange stellen, nicht auffallen.
Und ich spüre alles gleichzeitig: Ich bin die Älteste hier. Mein Körper macht nicht alles mit. Ich weiß oft nicht, wohin mit meinen Armen, meinen Händen, meinem ganzen Ich. Und ganz ehrlich? Manchmal fühle ich mich wirklich wie ein Kartoffelsack.
Und dann passiert etwas. Kein großer Moment. Kein Durchbruch. Sondern eher … ein Loslassen. Es beginnt ganz klein: Ich höre auf, im Spiegel zu prüfen, wie es aussieht, und fange an zu spüren, wie es sich anfühlt. Das ist ein Unterschied, den ich vorher nicht kannte. Prüfen ist Kopf. Spüren ist Körper. Und in diesem einen Moment kippt etwas von dem einen ins andere.
Ich kann mich jetzt weiter beobachten – oder einfach ausprobieren. Ich entscheide mich für Ausprobieren. Ich höre auf, mich ständig zu korrigieren. Höre auf zu überlegen, wie es aussieht. Und plötzlich ist da etwas anderes: Bewegung. Gefühl. Ich.
Es fühlt sich an, als hätte ich mir selbst über Jahrzehnte beigebracht, mich von außen zu betrachten – und würde jetzt, mit 60, zum ersten Mal versuchen, es andersherum zu machen.
Und darum habe ich mir jetzt eine kleine, fast verrückte Challenge gesetzt: Bis Ende des Jahres möchte ich meine eigene Choreografie entwickeln. Nicht perfekt. Nicht spektakulär. Aber meine. Für meinen Körper. Für meine Möglichkeiten. Für meinen Ausdruck.
Angefangen habe ich mit einem Song: »Waiting Game« von Banks. Erst ganz ohne Stange, allein im Raum, einfach nur, um zu spüren, was mir dieser Song eigentlich sagen will. Ich habe mich auf den Boden gesetzt und angefangen, mich zu bewegen – am Boden zuerst, dann im Stehen. Die Musik im Körper spüren, statt sie nur zu hören.
Und irgendwann war da plötzlich eine Geschichte in der Musik. Ich habe sie aufgeschrieben. Und mir eine Trainerin gesucht, die mir hilft, diese Ideen in Bewegung zu übersetzen.
Zwischendrin kam das Leben wieder dazwischen – diesmal mit gesundheitlichen Themen, die mich eine Weile aus dem Training geworfen haben. Aber selbst dann war da dieses Gefühl: Ich freue mich jetzt schon wieder auf die nächste Stunde.
Und vielleicht geht es gar nicht um PoleDance. Vielleicht geht es um etwas ganz anderes: Wo in Deinem Leben beobachtest Du Dich noch selbst, statt einfach zu gehen? Wo denkst Du: Was werden wohl die anderen sagen? Und wo spürst Du längst: Da ist etwas in mir, das gelebt werden will?
Ich weiß die Antworten selbst noch nicht auf alle diese Fragen. Aber ich habe aufgehört, sie abzuwarten, bevor ich anfange, mich zu bewegen. Manchmal genügt es, einfach nur zu spüren – und zuzulassen, dass daraus etwas Eigenes wird. Keine fremde Choreografie. Nur meine.
Ich erlaube mir, lebendig zu sein.
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