Essay · 14. September 2026 · 3 Min. Lesezeit

Ein ganzer Monat nichts

Was Madame Encore von meiner Sommerpause hielt.

Ich hatte mir für einen ganzen Monat etwas vorgenommen, das ziemlich unspektakulär klingt: nichts. Keine Termine, keine hektische Betriebsamkeit, kein selbst gebautes Hamsterrad und vor allem: kein hausgemachtes Funktionieren.

Schon bevor diese Zeit begann, wurde ich leicht nervös. Was sollte ich denn bitte einen ganzen Monat lang tun?

Die Antwort kam schneller als gedacht. Am ersten Tag sprudelte ich morgens dermaßen vor Ideen, dass ich kurzerhand mein gesamtes nächstes Jahr plante.

Am Tag danach hatte ich dann den wunderbaren Einfall, ich könnte die freie Zeit doch nutzen, um möglichst viel vorzuarbeiten. Sehr entspannt, diese Frau. Ich konnte mich gerade noch davon abhalten.

Und dann begann der eigentlich interessante Teil dieser Zeit. Ich langweilte mich. Nicht sofort und nicht besonders hingebungsvoll. Denn da war ja noch jemand, der mit meiner neu gewonnenen Freiheit überhaupt nicht einverstanden war.

Ich habe sie irgendwann Madame Encore genannt. Madame Encore ist mein innerer Antreiber. Und sie ist wahnsinnig gut in ihrem Job.

Kaum legte ich die Füße hoch, stand sie schon neben mir: „Also Claudia, wenn Du schon Zeit hast, könntest Du doch wenigstens noch …“ Ihr fiel immer etwas ein.

Und wenn ich partout nichts tun wollte, hatte sie eben einen anderen Vorschlag: Dann sollte ich mich wenigstens richtig erholen. Achtsam. Sinnvoll. Nachhaltig. Am besten so, dass man hinterher auch erkennen konnte, dass diese Erholung etwas gebracht hatte.

Das war der Moment, in dem mir auffiel: Ich versuchte sogar noch, mein Nichtstun zu optimieren.

Also blieb ich. Ich hielt die Langeweile aus. Ich ließ Dinge liegen. Ich widerstand erstaunlich oft dem Impuls, aus jeder neuen Idee sofort ein Projekt zu machen.

Und irgendwann wurde Madame Encore tatsächlich ein bisschen leiser. Nicht still. Machen wir uns nichts vor. Aber leiser.

Und darunter tauchte ein Gedanke auf, der geblieben ist: Ich möchte weniger machen. Und dafür tiefer gehen.

Ich habe gemerkt, dass ich vieles nicht deshalb weitermache, weil es mir noch entspricht – sondern weil ich es schon so lange so mache. Und dass Verlässlichkeit nicht dasselbe ist wie Tempo.

Auf mehr Zeit zwischen zwei Gedanken freue ich mich erstaunlich. Auf Ideen, die reifen dürfen, bevor ich sie sofort in etwas verwandle. Auf mehr Tiefe statt immer mehr Inhalt.

Alles andere darf ich mir gerade in Ruhe anschauen. Vielleicht war das die eigentliche Überraschung dieser Zeit: Ich dachte immer, eine Pause sei die Unterbrechung zwischen zwei produktiven Phasen. Heute glaube ich: Manchmal ist die Pause der Ort, an dem wir überhaupt erst merken, wie wir weiterleben wollen.

Und genau dort stehe ich gerade. Nicht am Ende von etwas. Eher an einem Anfang.

Madame Encore findet es übrigens immer noch verdächtig, dass dieser Anfang nicht längst vollständig durchgeplant ist. Sie wird damit leben müssen.

Und vielleicht lasse ich Dir heute einfach eine Frage hier: Was in Deinem Leben machst Du noch, weil Du es wirklich möchtest – und was nur, weil Du irgendwann einmal damit angefangen hast?

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