Essay · 9. September 2026 · 3 Min. Lesezeit

Der Sommer fragt nicht, ob Du fertig bist.

Es ist Abend. Ich sitze im Hängekorbsessel auf der Terrasse. Die nackten Füße auf warmen Fliesen. Der Garten duftet. Irgendwo läuft ein Rasensprenger. Dieses gleichmäßige Tsch. Tsch. Tsch.

Ich höre dieses Geräusch – und bin sofort woanders. Sommer. Kindheit. Irgendwann.

Die Sonne ist schon fast weg. Die Luft noch warm. Und natürlich ist noch nicht alles erledigt.

Da sind Mails. Ein paar Dinge auf der Liste. Aufgaben, die auch morgen früh noch da sein werden. Wie immer eben.

Und trotzdem sitze ich hier. Mitten in diesem Abend. Mitten im Unfertigen.

Und dann dieser Satz, der mich leise trifft: Der Sommer fragt nicht, ob ich fertig bin.

Der Abend fragt nicht, ob meine Liste abgearbeitet ist. Der Rasensprenger wartet nicht, bis alle Mails beantwortet sind. Das Leben macht das nicht. Es wartet nicht.

Ich stehe auf, um eine Pflanze zu gießen. Im Beet liegt eine Hummel. Reglos. Die Flügel noch da, aber kein Summen mehr.

Ich weiß nicht, wie lange sie schon dort liegt. Mit dem Zeigefinger schaufle ich ihr eine kleine Mulde in die Erde. Winzig. Gerade groß genug. Lege sie hinein. Bedecke sie.

Als ich mich wieder hinsetze, ist mein Finger schwarz von Erde. Ich betrachte ihn eine Weile, bevor ich ihn abwische.

Ein ganzer Sommer für sie. Vorbei, bevor ich sie überhaupt bemerkt habe.

Und da ist er, der zweite Gedanke, der sich neben den ersten legt: Wir wissen nie, wie viel Sommer uns noch bleibt.

Ganz ehrlich? Ich habe lange so gelebt, als wäre Lebensfreude eine Belohnung. Erst wenn die Arbeit geschafft ist. Erst wenn alles erledigt ist. Erst wenn ich fertig bin.

Aber "fertig" gibt es nicht. Es gibt immer noch etwas. Und das weißt Du genauso gut wie ich.

Vielleicht ist das die stille Wahrheit hinter allem: Wir sind nicht hier, um unser Leben perfekt zu organisieren. Wir sind hier, um daran teilzunehmen.

Mit nackten Füßen auf warmen Fliesen. Mit Sommerluft auf der Haut. Mit einem Herzen, das sich berühren lässt.

Lebensfreude ist kein Extra. Kein Luxus. Keine Belohnung. Sie ist ein Lebenszeichen.

Und wenn der Sommer heute an Deine Tür klopft – lass ihn rein. Nicht erst wenn alles erledigt ist. Einfach: weil er schön ist. Und weil niemand von uns weiß, wie viele Male er noch klopft.

Ich weiß, was für mich dazugehört. Dieses Tsch. Tsch. Tsch. Warme Fliesen. Kein Plan. Dieses warme Gefühl von Lebendigkeit.

Ich muss nicht fertig sein, um am Leben teilzunehmen.

Also los. Raus auf die Schaukel. Ein Spaziergang, auch wenn's schon dämmert. Mit beiden Beinen ins Wasser springen. Oder einfach eine Flasche Champagner aufmachen. Ohne Anlass. Nur weil heute ist.

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